Grabbe-Gymnasium Detmold

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2010-2011




Mehr schauen als schaffen


Sozialpraktikanten können nur eingeschränkt selbst aktiv werden

Von Hajo Gärtner (Bericht und Kommentar)

Was hat Annika Köpel (17) in zwei Wochen schulfreier Zeit geleistet? 12 bis 13 Patienten mussten pro Tag ambulant, also zu Hause, versorgt werden. Stützstrümpfe anziehen, Blutzucker messen, Insulin verabreichen, Verbände wechseln, Patienten waschen und immer Zeit haben für ein paar nette, aufmunternde Worte.  Schwester Nina von der Diakoniestation am Krankenhaus Detmold fährt mit ihren Praktikantinnen per Auto zu ihren Patienten. Früher seien die Gemeindeschwestern mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, erzählt sie. Im Dorf, wo jeder jeden kannte. Und eine feste Arbeitszeit, die habe es da nicht gegeben. Heute arbeiten die Krankenschwestern im Pflegedienst in mehreren Schichten, so dass der Service rund um die Uhr (24 Stunden am Tag) abgerufen werden kann. 50 Mitarbeiter sorgen für eine lückenlose Betreuung.

Zum Patientenkreis gehören nicht nur ältere Menschen. Auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind unter den Pflegebedürftigen. Mit dem Einsatz der vier Praktikanten vom Grabbe-Gymnasium ist sie zufrieden. Sie hat Annika, ihrer jungen Begleiterin, stets freigestellt, ob sie ,,mit nach oben kommen oder lieber im Auto bleiben will". Annika Köpel (17) ist immer mitgekommen: War manchmal hart, oft lehrreich, bisweilen liebevoll-herzlich, aber in Einzelfällen auch unangenehm. Annika wollte sich auf keinen Fall eine Blöße geben. Auch die anderen Sozialpraktikanten vom Grabbe (Clara Fabian, 18; Lena Mellies, 16; Marvin Mücke, 16) haben sich ordentlich ins Zeug gelegt. Annikas Fazit im Abschlussgespräch: Mit Ängsten rangegangen, die sich dank Schwester Ninas verständnisvollem Wesen schnell in Luft aufgelöst haben. Die Arbeit der Krankenpflegerin komme für sie nicht in Frage; aber sie habe große Achtung gewonnen vor denen, die sie machen.

Schwester Nina zeigt sich hinter dem Loblied auf die Schüler aber durchaus skeptisch gegenüber der Idee des Sozialpraktikums: Nicht in jedem Fall führe die erzwungene Begegnung mit der Pflege-Realität bei jungen Leuten, die das noch überhaupt nicht kennen, zu den gewünschten Effekten. Ein Engagement im Kindergarten sei dagegen wahrscheinlich konfliktfrei zu leisten. Pflege-Realität könne hingegen durchaus als shocking oder gar abschreckend erlebt werden. Zudem seien die jungen Leute weitgehend zur Untätigkeit verurteilt: Denn Handlungen wie Insulin spritzen, Stützstrümpfe anziehen oder Verbände anlegen setzten doch eine Menge Ausbildung voraus, die Pflege insgesamt eine psychologisch fundierte Einführung. Beim derzeitigen Konstrukt  könnten die jungen Leute im Wesentlichen nur zusehen. Ich merke der Schwester an, dass dies der eigentliche wunde Punkt ist, weil sie ihren Praktikanten mehr bieten möchte als Zugucken. Aber mehr geht nicht. Deshalb bescheinigt sie Annika auf der Basis der gegebenen Möglichkeiten die höchste Sozialpraktikums-Leistungsstufe: ,,sehr engagiert teilgenommen".

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Die pädagogische Idee klingt gut: Schüler sollen mal für einen Moment vom Ego-Trip herunter und sehen, dass die soziale Wirklichkeit anders ausschaut als die schöne bunte Welt in den Auslagen von Fernsehen, Internet und den Supermarkt-Ketten. Auch die Schule stellt als ,,pädagogische Insel" letztlich eine optische Täuschung dar, wenn es um die Frage von Sein und Schein geht. Viele bekommen beim erzwungenen Selbsterfahrungstrip ganz neue Eindrücke und finden an einem Berufsfeld Gefallen, das ihnen bis dahin praktisch verschlossen gewesen ist. Andere entwickeln ein geschärftes Auge für die soziale Realität und lernen zu schätzen, wie gut es ihnen doch eigentlich geht: jung, gesund, schön und rundum versorgt auf der Sonnenseite des Lebens.

Die Schüler wissen diese Erfahrung durchaus zu schätzen. Selbst derjenige, der ins Altenheim geschickt worden ist statt wie gewünscht in den Kindergarten, bilanziert im Gespräch mit Grabbe Online, nachdem er vorher kräftig gemurrt hatte: ,,Das war so in Ordnung." Ein Schwachpunkt des Programms ist sicherlich die  unzureichende Vorbereitung der Schüler auf den Umgang mit Kranken, Alten und Behinderten; vor allem, wenn die kommenden Praktikums-Generationen früher, das heißt: ein Jahr jünger, antreten. ,,Zugucken statt anpacken" ist keine gute Lösung; allerdings tritt diese Einschränkung sicherlich nur in einem Teilbereich, dem Pflegesektor, auf. Um das Problem zu entschärfen, sollte man wieder Handlungsfelder zulassen, in denen Schüler voll mit anpacken können: im Kindergarten- und Vorschulbereich zum Beispiel. Außerdem hat dieser Sektor eine sympathische Nähe zur Schulpraxis. Die Schüler geraten dabei mal auf die andere Seite: Als Erzieher, Betreuer, Lehrer müssen sie einen ,,Positionswechsel" meistern, der vielleicht zu einem tieferen Verständnis von Regeln des Schulalltags führt.

Es gibt ein gutes Indiz für den Rundum-Erfolg des Sozialpraktikums 2011: Niemand hat von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, seinem Unmut im Gästebuch Luft zu verschaffen. Daraus schließe ich: Es hat keinen Unmut und keinen schwerwiegenden Ärger gegeben. Der Sozialdienst hat vielleicht nicht immer und an allen Orten ,,Bock gemacht"; aber lehrreicher als der gewohnte Schulalltag war die Lebenserfahrung wohl allemal. Deshalb korrigiere ich an dieser Stelle mein kritisches Spontan-Urteil: Das Sozialpraktikum war so genau richtig. Bitte bei nächster Gelegenheit wiederholen!

 

Engagement für die Schule

Der Förderverein stellt sich der Aufgabe, die Entwicklung der Schule voranzutreiben. Die Umsetzung neuer Ideen muss finanziert werden, und hier sieht der Verein sein Kerngeschäft: die nötigen Gelder zu beschaffen.

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