2014

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Marianne Rautenberg (Mitte) und die Gymnastikrunde des Karolinenheims verabschieden die Sozialpraktikantinnen Nina Lange (links) und Lisa Sudermann (rechts).

Ich bin dann mal weg

Zwei Wochen lang ist die Schule ziemlich leer: Schüler auf Erkundungstour in der Berufswelt

Von Hajo Gärtner (Text, Fotos, Videoclip)

»Willkommen in der Wirklichkeit!«, sagt Morpheus zu Neo, als der zum ersten Mal seine Augen außerhalb der Matrix aufmacht. »Warum tun meine Augen so weh?«, will Neo im Gegenzug wissen. »Weil du sie noch nie wirklich benutzt hast!«, lautet die verblüffende Antwort.

Nun, so schockierend verläuft die Begegnung mit der Realität für die Schüler aus EF und Q1  nicht. Im Gegenteil:  Bei meinen Besuchen zeigen sich sowohl  Geber als auch  Nehmer praktischer Erfahrungen sehr angetan voneinander. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle kann man ohne Übertreibung von »Liebe auf den ersten Blick« sprechen. Natürlich gibt es auch das Mädel, das nach den ersten paar Tagen nicht mehr gesehen ward. Solche Ausnahmefälle erzwingt die Wahrscheinlichkeitsverteilung:  »krank oder überfordert«.

Doch halten wir uns nicht mit Ausnahmen auf, wenn der Regelfall viel interessanter erscheint. Ich betrete also den »Falkenberger Hof«, den es nur noch als imposantes Alt-Gemäuer gibt, durch einen Seiteneingang.  »Gehen Sie da ruhig hinein!«, ermutigt mich ein freundlicher Passant, den ich nach dem  »Business Development Teutrine« gefragt habe. Überall stapeln sich Umzugskartons und große Papierrollen mit Werbung drauf. Rätselhafte Gegenstände sagen zu mir: »Du bist in der Welt Harry Potters angekommen!« Am Ende einer verwinkelten Reise lande ich im Herzstück von Hogwarts, beherrscht von fleißigen Muggels, die ihre magischen Fähigkeiten aus elektrischen Zauberkisten generieren. Und da ein bekanntes Gesicht: Falk Flaska (15) sitzt vor zwei gekoppelten Monitoren und entwirft am PC die Präsentation eines internationalen Online-Dienstes. Den gibt es nur noch nicht, und deshalb muss Falk seine Fantasie spielen lassen. Er verwendet das Präsentationsprogramm »Prezi«, das er sich für Referate in der Schule erobert hat. »Dieser Zugriff ist neu für mich«, sagt Werbe-Profi Matthias Teutrine (»Lippeportal«) und findet's klasse. Dem Zauberlehrling Falk lässt er völlig freie Hand.

Nein, man müsse kein Nerd sein, um in der Medien-Branche gut zu laden, betont Teutrine. Etwas Anderes sei viel wichtiger als der routinierte Umgang mit Präsentations-Programmen, Web-Design und Videoproduktion: Allgemeinbildung und die Beherrschung korrekter Umgangsformen. In Bewerbungsgesprächen frage er nicht danach, wie man ein Motiv mit »Fotoshop« freistellt oder eine Webseite anlegt, sondern zum Beispiel nach dem 30jährigen Krieg. Da bekomme er abenteuerliche Antworten wie: »1918 bis 1945«, oder: »irgendwas mit Hitler«. Verhaltenscode sei ein genauso bedeutsames Thema: Der Auftrag ist weg, wenn man mit Kunden nicht höflich und einfühlsam umgeht. In beiden Feldern, Allgemeinbildung und Benehmen, geht es mit der Kompetenz junger Menschen bergab, hat Teutrine (»Ideen, Beratung, Medien«) festgestellt und wünscht sich einen besseren »Output« weiterführender Schulen. Ein Loblied singt er auf die Hochschule Ostwestfalen-Lippe, die sich im Studiengang »Medienproduktion« früh engagiert hat und deutschlandweit ganz vorn liege. Weiterführende Schulen in Lippe sollten darin eine Chance und Herausforderung sehen. Deren Absolventen blieben Lippe in der Regel leider nicht treu, sondern seien schnell in Köln, Hamburg oder Berlin gefragte Leute. Falk möchte später gern in Teutrines Branche arbeiten und weiß jetzt genau, worauf es ankommt.

Marlene Hüls (15) findet sich an einem zauberhaften Ort wieder: im »Detmolder Sommertheater«. Auch sie darf selbstständig arbeiten und entwirft das Programm für ein kleines Puppentheater-Festival im Herbst. »Ich lasse ihr freie Hand«, sagt Iris Witt, nachdem sie die Neugierde und Eigeninitiative der Schülerin schätzen gelernt hat. Stolz zeigt sie mir einen Zettel, auf dem sich Ivan Törzs, Organisator des Events »Opernschule goes USA«, ausdrücklich für Marlenes Einsatz bedankt. Die musste im Vorfeld eine Sängerin mimen, damit die Beleuchter  ihre Lichtkanonen effektvoll einrichten konnten. »Ich musste so tun, als wäre ich eine Sängerin; so laufen, wie die laufen, auf dem Klavier posieren oder mich auf den Boden hocken«. Muss ich erwähnen, dass die Opernschule fabelhaft über die Bühne gegangen ist? Das »Sommertheater« braucht den Erfolg, denn es muss sich privatwirtschaftlich finanzieren und wird nicht staatlich subventioniert wie andere Kulturbetriebe. Auch hier ist das richtige Benehmen A & O. »Kulturmanagement« heißt der Fachbereich, für den sich Marlene interessiert.

Mal die Lehrerin spielen, das hat sich Michelle Gaden in der OGS Hakedahl (106 Schüler) vorgenommen. Und weil sie so eingeschlagen hat bei den Schülern, darf sie das auch tun. »Kannst du zeichnen?«, fragt der Mathelehrer, und schon hat sie ein Stück Kreide in der Hand. Wäre ja auch gelacht: Eine K-Schülerin vom Grabbe, die nicht malen kann! Das Tafelbild wird richtig schön, und schon wieder muss ich mir ein Loblied auf Grabbe-Praktikanten anhören. »Only bad news are good news«: Dieses journalistische Prinzip kann ich wohl in diesem Bericht nicht mehr bedienen.

Auf einen wichtigen Umstand weisen sowohl Matthias Teutrine als auch Iris Witt deutlich hin: Schüler sollten sich um den gewünschten Praktikumsplatz rechtzeitig und intensiv kümmern. So ist Marlene schon ein Jahr vor Praktikumsbeginn im »Sommertheater« aufgelaufen und hat ihr Interesse gezeigt. Iris Witt registriert die Art, wie sich Praktikumsbewerber ins Spiel bringen, sehr genau und zieht daraus ihre Schlüsse. Sie kann keine Schüler gebrauchen, für die ihre Einrichtung eine Verlegenheitslösung ist. Leute wie Witt und Teutrine können Praktikanten eine Menge mitgeben, wenn sie sich persönlich angesprochen fühlen. Alles hängt von natürlicher Neugierde, freiwilliger Einsatzbereitschaft und Eigeninitiative der Schüler ab. Dann springt der Funke über.

Funkenflug beobachte ich auch im Sozialpraktikum. Dieses Mal ist es das Karolinenheim in Lage, das mich besonders anspricht. Weil die Sozialpraktikantinnen Nina Lange und Lisa Sudermann (beide 17) Feuer und Flamme sind und sich prächtig mit Marianne Rautenberg (60) verstehen, der treibenden Kraft im sozialen Leben des Alten- und Pflegeheims, macht der Besuch richtig Spaß. Die räumlichen und technischen Gegebenheiten seien nicht der Hit, mit dem ihre Einrichtung punkten könne, räumt sie freimütig an. Das werde jedoch mit intensiver Zuwendung und einem üppigen Personalschlüssel mehr als kompensiert. Genau das macht Nina und Lisa zu Rautenbergs Fans: Was der im sozialen Dienst so alles einfällt, um die Bewohner zu aktivieren und motivieren, traumhaft! Mich verpflichtet sie beim Besuch meiner Praktikantinnen glatt zum Klavierspielen für die sportliche Runde. Lisa Schulenberg (97) ist in ihren Sangeskünsten schier nicht mehr zu bremsen, und Rautenberg betont, wie hochgradig geistig fit die Bewohner um die 90 herum noch sind. Bei den sportlichen Übungen im Sitzkreis bekommt eine betagte Dame das Bein höher in die Luft als selbst die beiden Grabbe-Mädel (von mir ganz zu schweigen). Zum Abschied eine rührende Szene: »Muss i denn zum Städele hinaus« mit wild geschwenkten bunten Tüchern. Dass jetzt bloß keine Tränen fließen: Da ist Marianne Rautenberg davor, die verspricht,
»dass die jungen Mädchen sicher noch mal wiederkommen«. »Und Herr Gärtner natürlich auch!« Aber klar doch, spätestens beim Besuch der nächsten Praktikanten-Generation im kommenden Jahr.

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Lisas Tagebuch

Tagebuch Sozialpraktikum
vom 27.01.14 bis 06.02.14
Lisa Sudermann
Seniorenheim Karolinenstraße, Lage

Auszug

1. Tag

Der erste Tag war sehr beeindruckend. Mein Gefühl zu Anfang des Tages war gut. Ich war sehr neugierig und freute mich, die Bewohner des Hauses kennen zu lernen. Ich hätte gedacht, dass ich nervös und aufgeregt sein werde, aber das war nicht der Fall. Spätestens als Frau R., meine Leiterin, mich herzlich in Empfang nahm und mich durch das Heim führte. Sie stellte mich fast allen Bewohnern vor, was ich sehr schön fand. Alle freuten sich sehr, ein neues Gesicht zu sehen, und waren sehr neugierig, was mir die Angst nahm und mir Vorfreude auf die nächsten Tage gemacht hat. Was mich schon heute beeindruckt hat war die Art, wie Frau R., die Sozialarbeiterin, mit den Leuten umging und eine grundlegende, positive Energie versprüht, die sich auch auf die Bewohner überträgt. Ein schönes Erlebnis war auch der Besuch bei Frau E.. Sie ist dement und zudem auch behindert, sodass sie sich kaum bewegen und sprechen kann. Sie hat sich so sehr über unseren Besuch gefreut, dass sie sich sehr viel Mühe gegeben hat zu sprechen und seit längerem wieder kurze Sätze gesprochen hat. Solche Momente machen mir Mut, die Tage im Praktikum schön zu verbringen und wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Entgegen den meisten Erzählungen und Erwartungen ist mein Gefühl nach dem heutigen Tag sehr positiv und ich freue mich wirklich auf morgen und bin gespannt, was mich morgen wieder Neues erwartet.

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5.Tag

Es gab heute gleich zwei sehr schöne Momente. Freitags findet immer die Andacht im Heim statt, zu der auch extra ein Pastor kommt und für eine halbe Stunde predigt, singt und mit den Bewohnern betet. Frau S. bat mich, zu versuchen, Frau F. runter zu holen und zu motivieren, an der  Andacht teilzunehmen. Schon wie Frau S. mich darum bat, dachte ich, dass ich eh keine Chance hätte, sie zu überreden. Zudem kannte ich Frau F. auch schon gut und wusste, dass sie sehr launisch sein kann und heute beim Essen auch nicht sehr gut drauf war. Aber ich dachte, ich versuche auf jeden Fall mein Glück, und siehe da, ich schaffte es tatsächlich, sie zu motivieren. Ich setzte mich ganz ruhig neben sie, redete erstmal ein wenig mit ihr und erzählte ihr dann von der Andacht. Sie freute sich so über ein wenig Aufmerksamkeit und meine Mühe, dass sie mir zu Liebe mit runter kam und sich die Andacht anhörte. Sie hatte viel Spaß, wie sie mir danach erzählte, und ich war auch überrascht, wie sie fast alle Lieder mitsingen konnte, obwohl sie fortgeschritten dement ist und sonst Sachen nach 10 Minuten wieder vergessen hat.
Das andere schöne Erlebnis war mit Frau B.. Sie liegt immer alleine in ihrem Zimmer, weil sie außer einer körperlichen Behinderung nicht krank ist und es im Speisesaal nicht aushält, da sie sich mit den anderen nicht unterhalten kann. Sie wurde operiert und hatte einen Schlaganfall, nachdem sie nicht mehr laufen und sprechen konnte. Das Sprechen hat sie relativ schnell wieder erlangt, aber mit dem Laufen klappt es noch nicht. Also wurde ich gebeten, das mit ihr zu trainieren, indem ich mit ihr über den Flur gehe und ihren Baggy leicht schiebe, sodass sie im Sitzen die Bein- und Fußbewegungen trainiert. Auch sie wollte das zunächst nicht gerne tun, weil es sehr anstrengend ist und auch nervenaufreibend, wenn es nicht so gut klappt, wie sie es gerne hätte. Aber ich hab es geschafft, sie zu motivieren, und mich die ganze Zeit mit ihr unterhalten. Sie hat viel gelacht und Witze gemacht und wollte am Ende sogar mit mir draußen spazieren gehen. Ich hoffe, dass ich das nächste Woche machen kann.

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9. Tag

Der letzte Tag heute war besonders schön. Schon nach der ersten Begrüßungsrunde fragte Frau B. nach mir, die mir in der Zeit auch sehr ans Herz gewachsen ist. Ich hab mich viel mit ihr unterhalten bzw. habe sie viel erzählen lassen und hatte ein offenes Ohr für sie, da sie immer alleine in ihrem Zimmer im Bett liegen muss. Ich hatte ihr versprochen, in meiner Zeit noch mit ihr raus zu gehen, da die Pfleger immer kaum Zeit haben und es zu lange dauert, sie fertig zu machen. Ich hab mein Versprechen eingehalten und bin mit ihr in die Stadt gegangen. Der Abschied war sehr herzlich und ich freue mich, sie in den Ferien mal besuchen zu gehen. Die Bewegungsrunde haben wir mit Musik verbunden, was alle sehr gefreut hat. Besonders beeindruckt hat mich Frau R.. Sie sitzt im Rollstuhl und redet nie, nickt nur mit dem Kopf, wenn man sie etwas fragt, aber isst selbstständig. Sie war sofort begeistert, dass ich sie mit runter zur Gymnastik genommen habe und ist währenddessen regelrecht aufgeblüht. So fröhlich und aktiv habe ich sie in der Zeit noch nicht gesehen. Sie strahlte bis über beide Ohren, und als sie sah, dass Herr K. mir zum Abschied die Hand gab und alles Gute wünschte, ahmte sie es sofort nach und drückte meine Hand ganz fest. Im Umgang mit den anderen Bewohnern ist sie eher anti, weshalb ich sehr überrascht war, wie sehr sie sich über meine Zuwendung freute.

Abschließend lässt sich sagen, dass mich das Praktikum um viele wertvolle Erfahrungen bereichert hat. Zu Anfang war ich sehr negativ eingestellt, hatte etwas Angst, was auf mich zukommt und dachte, dass die Erfahrungen eher negativ sein werden. Ich dachte, ich würde sehr zurückhaltend sein und mich oft unwohl fühlen, da ich ein eher schüchterner und unsicherer Mensch bin. Aber schon am ersten Tag wurde ich sehr herzlich empfangen und schon am zweiten Tag verlor ich meine Unsicherheit. Am letzten Tag fühlte ich mich im Heim zuhause, und sehr viele Bewohner sind mir besonders ans Herz gewachsen. Ich bin eigentlich ein sehr ungeduldiger Mensch; jetzt weiß ich, dass ich im Umgang mit kranken Menschen sehr einfühlsam sein kann und viel Geduld habe, wenn es drauf ankommt, wobei ich auch denke, dass mich die Bewohner in ihrer Art beruhigt haben.