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Evolution


Die Erkenntnis kommt zu spät

Eine Begegnung von Kunst und Philosophie

Von Elina Möller (Essay und Videoclip)

Eine große Leinwand und ein Stuhl; unbenutzt, unbeschrieben und weiß. Rein gar nichts ist da außer Leere. Dann fängt alles mit einem winzig kleinen schwarzen Punkt an. Dieses Schwarz entwickelt sich mit einem Donnerschlag zu einem Loch, das schwarze Risse durch die Wand zieht. Dann scheint sich aus diesem Loch heraus etwas zu entwickeln, was an Rauch oder einen Grauschleier erinnert. Dann, ebenfalls aus dem Inneren des Loches entsprungen, grüne Farbe, die wie eine Pflanze aus dem Loch herauszuwachsen scheint. Damit setzt eine Melodie ein, die mit einem Klavierakkord beginnt, und die Pflanze fängt an, in bunten knalligen Farben zu blühen. Durch die Musik und die Farben wird eine ganz neue Stimmung erzeugt und weitere bunte Farben kommen in geschwungenen Linien aus dem Loch und füllen das Bild, im Einklang mit der Musik, mit bunten schönen Formen aus. Dann starten nach und nach, in einem sehr kurzem Zeitraum verschiedene Vorgänge oder Aktionen: Eine schwarze Linie kommt aus dem Loch und schlängelt sich über den Stuhl, gleichzeitig kriechen acht Ameisen unter den Blüten hervor, und krabbeln über die Leinwand. Farbflecke und Kreise entstehen an anderen Stellen ganz unabhängig und zusammenhangslos. Ein Apfel fällt ab Sekunde 41 auf der linken Bildhälfte herunter und landet nach kurzer Zeit auf dem Stuhl. Grüne Farbe läuft auf der rechten Bildhälfte herunter. Während dessen krabbeln die Ameisen weiterhin über die Leinwand. Nach und nach wird das Bild wieder ruhiger und die Aufmerksamkeit ist auf die rechte untere Ecke gerichtet, in die zufällig drei Ameisen krabbeln. Dort bildet sich aus dem Nichts zunächst eine schwarze Linie, dessen Form an eine Pacman-Figur erinnert, in dessen Maul die Ameisen reinkrabbeln. Diese Pacman-Figur wächst sich zu einem Monster aus. Dabei schwingt auch der Ton wieder um: Die schöne Melodie verstummt und ein düsteres dumpfes Geräusch erklingt. Das Monster ist zuerst nur weiß-schwarz und nicht sehr böse; dann aber wird es böse, kriegt große Augen, Blut spritzt und schlangenartige Haare peitschen durch die Luft. Den Grund für diese Wut erkennt man beim genaueren Betrachten des Filmes. Die schwarze Linie, die sich bisher ihren Weg über den Stuhl geschlängelt hat, ist der Auslöser, da diese sich mit ihrer Spitze in das Monster hineinbohrt (bei Sekunde 46). Dann ertönt ein lautes, schrilles Geschrei und ein riesiger blauer Hai taucht aus der Mitte des Bildes auf und verschlingt das Monster, welches gar keine Zeit zum Reagieren hat, mit einem Biss.

Der Betrachter erfasst auf den ersten Blick kaum eine dieser Einzelheiten. Alles läuft viel zu schnell und unübersichtlich ab. Das menschliche Auge schafft es nicht, diese nebeneinander herlaufenden Aktionen zu erfassen und in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Der Betrachter lässt den Film auf sich wirken und ist im ersten Teil von der beruhigenden Melodie und den harmonischen Formen und Farben gefesselt. Dann kommt aber ein unerwartetes Ereignis, das im Kontrast zum ersten Teil des Filmes steht. Es entsteht eine finstere, düstere Stimmung, die den Betrachter erschreckt. Er weiß zwar nicht, wieso das Monster blutet, aber man sieht die Wut in dessen Augen, und man bekommt Angst. Dann wird der Betrachter erneut überrascht, als das soeben erschienene Monster von einem noch größeren Gegner, dem Haifisch, verschlungen wird. Durch die schnellen aufeinanderfolgenden Ereignisse am Ende werden die Augen und das Gehirn überbeansprucht. Dadurch baut sich eine enorme Spannung auf. Genau so unerwartet und schnell wie das Ende anfängt, hört der Kurzfilm dann auch auf.

Nachdem man diesen Film wiederholt gesehen hat, interpretiert jeder ihn auf eine andere Weise, dabei kommt es oft darauf an, was der Einzelne wahrgenommen hat und was in seinen Augen am wichtigsten ist. Ich habe schon ganz viele Interpretationen gehört, von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen, und jedes Mal bekam ich eine neue Theorie vorgesetzt. Also fragte ich mich: Woran liegt das eigentlich, dass jeder etwas anderes in diesem Film sieht? Auf eine Idee brachte mich die Beschäftigung mit verschiedenen Erkenntnistheorien im Philosophieunterricht.

Der Titel des Films „Die Erkenntnis kommt zu spät“ kann auf zweierlei Weisen interpretiert werden.

Jeder Mensch hat nach Kant die gleichen Vorausetzungen, um die Dinge um sich herum zu erfassen. Das Modell der „Denkhaube“ erklärt Kants Idee sehr gut, es stellt den ,,Denk-Apparat“, also das Gehirn, dar. In unserem Gehirn haben wir die Wahrnehmung von Raum und Zeit und verschiedene transzendentale Grundbegriffe des Verstandes (Kategorien), nach denen wir Dinge erkennen. Mindestens drei von diesen Kategorien müssen zutreffen, damit wir den Gegenstand logisch einordnen können. Wir erkennen die Welt nicht, wie sie ,,an sich“ sein mag, sondern wir ordnen die Dinge, die wir sehen, schon bekannten Wahrnehmungen (Erfahrungen) zu. Die Schwerkraft zum Beispiel empfindet jeder Mensch gleich.

Aber es gibt auch Unterschiede, weil die Menschen bei gleicher Grundausstattung des Erkenntnisapparates doch auf verschiedene Erfahrungen zurückgreifen. Jeder sieht, was er schon kennt, und also wird die individuelle Biographie wirksam. Jeder erschließt sich die Zusammenhänge nach den Mustern, die ihn in seinem alltäglichen Leben beschäftigen, vor allem aber danach, was er in dem Film sehen will. Die Verschiedenheit der Interpretationen beweist, dass die absolute Realität oder Wahrheit, also das ,,Ding an sich“, von niemanden wahrgenommen werden kann. Jeder hat, trotz gleicher Voraussetzungen, andere Wahrnehmungen und Interpretationen, andere Schwerpunkte. Der Mensch hat nicht die Möglichkeit, alles zu erfassen und zu wissen, was auch mein Film zeigt, den man in diesem Fall mit anderen komplexen Abläufen im Alltag vergleichen kann. Der Mensch erfasst immer nur einen Teil des Ganzen, da seine Sinne, und damit sein Wahrnehmungsvermögen, begrenzt sind. 

Der Titel des Filmes kann jedoch auch auf die Handlung des Films bezogen werden, die ich als Regisseur und Filmmacherin beabsichtigt habe. Ich werde nun meine Intention, die ich beim Erstellen dieses Kurzfilmes hatte, vorstellen, also meine Interpretation der zu sehenden Ereignisse, die auf der Leinwand vor sich gehen:

Die leere Wand des Beginns, die für „nichts“ oder auch „alles“ steht, kann für mich zum Beispiel die Situation symbolisieren, in der das Universum entspringt. Mit der Entstehung des schwarzen Loches verbinde ich die Entstehung der Welt. Zunächst ist kein Leben da, nur Leere. Dann - mit Beginn der Musik – beginnt das Wachsen der Natur, die Erde entwickelt sich zu voller Pracht und alles steht im Gleichgewicht. Die Evolution nimmt ihren Lauf, viele Entwicklungsstränge laufen parallel und gleichzeitig. Tiere entstehen, und auch die Menschheit. Da in unserer Welt, leider immer noch, Menschen in Klassen existieren, wie zum Beispiel die ,,reichen“ und die ,,armen “ Menschen bzw. die Arbeiterschicht, habe ich diese kritisch in meinen Film mit einbezogen. Die Ameisen stellen in meinem Film die Arbeiter dar. Und dann sind da die Menschen, die glauben, besser zu sein als andere; Menschen die glauben, dass sie die Macht und das Recht haben, über andere zu bestimmen, aber durch ihre egozentrische Lebensweise nur eine ungerechte Welt provozieren, die nicht funktioniert. Diese Menschen sind im Monster zusammengefasst, das die Ameisen frisst. Im übertragenden Sinne genau das gleiche Spiel wie in unserer Welt. Die „Reichen“ und „Mächtigen“ leben von den vielen und  „unbedeutenden“ Menschen. Und keiner scheint dies wahrzunehmen oder zu versuchen, etwas dagegen zu tun, und wenn doch, haben sie keine Chance, etwas wirklich zu erreichen. Auch in meinem Film haben die kleinen Ameisen keine Chance, sich gegen das große Monster zu wehren, sie laufen ihm regelrecht in das offene Maul. Ja, und das war es dann, denn die „Monster“ erkennen nicht, was sie für einen Schaden anrichten. Wie die Umwelt zerstört wird und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, sie erkennen es nicht. Genau so wie die „Ameisen“, die alle blind hintereinander herlaufen, alle einfach das tun, was ihnen vorgeschrieben wird und nicht anfangen autonom zu denken und somit einen neuen Weg einzuschlagen und etwas zu ändern, bevor es zu spät ist. Denn wenn es zu spät ist, dann gibt es kein Zurück mehr. Der Hai steht für den Untergang, für die Zerstörung und die größte Macht, die von keinem Menschen beeinflussbar ist. Der Hai kommt und mit einem Mal ist das Monster weg, es hat ganz einfach zu spät erkannt, dass es etwas tut, was nicht gut ist. Und das passiert leider auch in der realen Welt. Menschen laufen blind durch die Gegend und denken nur an sich. Meiner Meinung nach ein fataler Fehler, mit noch weitaus fataleren Folgen.

Für mich ist der Sinn des Filmes, dass sich das Publikum fragt: ,,Ist es bei mir schon zu spät oder habe ich noch Zeit?“. Die eigene Erkenntnis verschafft die Freiheit der Entscheidung. Jeder sollte lieber öfter über die eigenen Handlungen und Einstellungen nachdenken, anstatt solange mit dem Strom zu schwimmen, bis es zum Umkehren zu spät ist. Der Film soll die Bildung eines kritischen Bewusstseins in der Gesellschaft anregen und alle Menschen immer wieder dazu verleiten, die Konsequenzen neu zu formulieren, zu bestätigen, oder zu verbessern.