"

Allegretto 2011

Klassische Schönheit

Platz zwei beim Tanzvideo-Wettbewerb der LZ

Von Hajo Gärtner

Der zweite Sieger zählte bei den olympischen Spielen im alten Griechenland gar nichts. Er schämte sich ob der ,,Niederlage",  fühlte sich als Versager und kehrte als Geschlagener in seine Heimatpolis zurück, wenn er nicht für sein ,,Leben danach" gar das Exil vorzog.  Inzwischen sind rund 2500 Jahre vergangen, und wir wissen es besser: Der Zweite ist so gut wie der Erste. Wer würde sich nicht über ,,Silber" beim olympischen Wettkampf 2012 in London freuen? Selbst ,,Bronze" ist einen Freudentanz wert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Grabbes Dancing Queens können sich über den Erfolg ihres ,,Allegretto" freuen. 10649 Stimmen gingen beim LZ-Wettbewerb ,,Lippe tanzt" ein: 4374 für unsere Tänzerinnen, 4621 für You Yi Fusion des TV Barntrup. Danach folgten die Bailandoes des TuS Eichholz-R. mit 453 Stimmen, Frickelicious (385), Angels Cheerleader der TuSG Augustdorf (240), Big MäQ (166) und Crew Six vom Blomberger SV (130). Natürlich gab es noch mehr Teilnehmer am Wettbewerb, aber ich will sie hier nicht alle aufzählen. Insgesamt registrierte LZ Online 157201 Klicks auf die Wettkampfseite.

..Das wir so weit kommen, hat uns total überrascht", sagt Tänzerin Kristin Pucker im Gespräch mit der LZ (Bericht vom 26. Oktober 2011). Wie dem auch sei: Die Grabbianer bekommen zwar nicht die 1000-Euro-Siegprämie, aber Ehrenkarten für die KSB-Sportgala am &. November. Und auch Regisseur Max Droste zeigt sich stolz auf sein Werk. Er ist jedoch zu sehr Perfektionist, als dass man ihm die Enttäuschung über den verpassten Gesamtsieg nicht anmerken würde. Meiner Meinung nach hätte er den verdient; denn ,,Allegretto" ist die objektiv schönste und effektvollste Inszenierung einer Choreographie. Eine junge YouTube-Userin urteilt: ,,Ich kann nicht aufhören es mir wieder und wieder anzusehen :D Das ist einfach das beste was ich je gesehen habe :)"

Die Filmidee: Eine Formation von fünf Ballett-Könnerinnen tanzt perfekt abgestimmt in einer Tiefgarage, auf dem Parkdeck, in der Fachhochschule, vorm Landestheater und sogar mitten auf der Straße. Überzeugend: Die Nutzung des Raumes und die Abstimmung der Bewegungen. Kein abgefilmtes Bühnen-Ballett (mit Spitzenröcken fein über Holzbretter trippeln), sondern Ausrichtung auf und Interaktion mit der Kamera. Geschickt ausgewählte Orte, um die klassische Schönheit der Ballett-Kunst effektvoll in Szene zu setzen. ,,Anmut" und ,,Grazie", das sind die Schlüsselbegriffe des Klassikers der Wortakrobatik, Friedrich Schiller. Er verstand darunter Schönheit in der Bewegung und gönnte sich von diesem Ausgangspunkt philosophische Höheflüge, in Auseinandersetzung mit dem Denker Immanuel Kant, in denen er der sinnlichen Komponente gegen Kants Betonung des Verstandes zu ihrer wahren Bedeutung verhelfen wollte.

Der sinnliche Reiz, der im Spannungsfeld zwischen den kühlen Locations und der heißen Choreographie der Tanzgruppe entsteht, bildet unübersehbar das Zentrum der Gedankenspiele von Regisseur Max Droste. Dafür hat er ausgeprägte Sensoren, wie auch seine ,,Commercials"-Filme deutlich zeigen, die stets auf die Ausstrahlung seiner weiblichen Akteure setzen: ihre Natürlichkeit und ungezwungene Vitalität in Szenarien, die  stets auf Kontrast getrimmt sind. Kontraste erzeugen ein Spannungsfeld, und genau das macht die Videoclips von Max Droste so interessant. Wer erwartet schon eine Balletaufführung in einer Tiefgarage oder mitten auf einer belebten Verkehrsstraße? Da m u s s man hingucken.

Und nun zur Rolle der Musik: Das ist nicht einfach nur klassisch, wie das Klangbild zunächst vermuten lässt. Zwar dominieren die Instrumente des klassischen Orchesters, aber der Sound insgesamt hat einen geradezu rockigen Drive. Geschickt ausgewählt. Der Musiktitel hat dem Videoclip offensichtlich auch den Namen gegeben, denn es handelt sich um das ,,Allegretto" der Mädchenband ,,Bond", die mit ihren ganz speziellen Inszenierungen an Orten auftreten, wo man klassische Musik kaum vermutet: zum Beispiel auf einer Automesse. Sie entwickeln dabei eine gewaltige weibliche Ausstrahlung. Und sie sind Meisterinnen ihres Metiers.

Fassen wir zusammen: Schön und temperamentvoll getanzt, super inszeniert an spannenden Locations, durchdacht bis ins letzte I-Tüpfelchen, festgehalten in überragender HD-Qualität. Gerade Letzteres ist nicht leicht zu leisten, weil man dazu den vollen Durchblick der Schnitttechnik braucht.  Diese Qualität ist auf Videoplattformen deshalb alles andere als selbstverständlich; bei Max Drostes Produktionen allerdings Standard. Drunter tut er's nicht. Und das ist auch gut so. Alles ist gut so. Wenn ich eine Note geben dürfte: Eins plus, 15 Punkte.