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Migration

Bedrückende Atmosphäre

Wie ,,Infinitas" das Publikum im Kurgastzentrum Bad Meinberg schockte

Von Hajo Gärtner

,,Ich habe Angst", jammert ein Teenie neben mir und sucht die Nähe des starken Arms an ihrer Seite. Über die provisorische Kinoleinwand im Kurgastzentrum flimmern Bilder, die stark an eine Szene aus dem Horrorschocker ,,The Ring" erinnern. Ein junges Mädchen mit Baby in der Badewanne, alle Farbe aus dem Film herausgesaugt. Sie guckt mich unverwandt an, böse, verloren und innerlich ausgehöhlt. Es ist mucksmäuschenstill im Staatstheater, das mit einigen hundert Zuschauern gefüllt sein dürfte. Sieht das Wasser nicht schon aus wie schwarzes Blut, und was passiert gleich mit dem Baby?

,,Infinitas" inszeniert in diesem Augenblick Schuldgefühle; düster, schwer, symbolisch, kompromisslos. ,,Bitte erklärt uns euren Film'', sagt hinterher der Moderator der Preisverleihungsveranstaltung des 1. Lippischen Kurzfilmfestivals. Kein Problem für Maximiliane Koch, die der Jury schon vorher ein opulentes Exposé abgeliefert hat. Ein Medienfachmann aus dem Bereich der Fachhochschule Lippe-Höxter blickt schneller durch: ,,Euren Film erwarte ich auf Arte um kurz vor Mitternacht."

Das Team Droste/Koch hat schwere Kost zum Thema ,,Migration" abgeliefert. Es geht um Krieg, Flucht, Tod und die Schuldgefühle der Überlebenden. Und damit die Perspektive nicht auf eine Provinz oder einen bestimmten Zeitpunkt verengt wird, bleibt die Filmsprache symbolisch, abstrakt, findet nicht zu den stummen Heldinnen. An die Stelle von Dialogen tritt eine in der Tiefe wühlende Musik.

Nun denn, die Jury zieht die leichte Kost vor: Das Preisträger-Team vom Berufskolleg Lüttfeld zeigt einen dunkelhäutigen Twen, der sich eine Hitler-Hetz-Rede im Fernsehen reinzieht und dann das Haus verlässt, um mit einem schneeweißen Kopfhörer auf den Ohren in der Sonne zu chillen. Aber klar doch: Zwei junge Kerle machen sich unterwegs über ihn lustig und eine junge Mutter sucht mit ihrer Tochter entsetzt und fluchtartig das Weite. Aber die Filmemacher zelebrieren keine Klischees, sondern spielen damit: Nun taucht der helle Freund des dunklen Kopfhörer-Trägers auf und fragt belustigt: ,,Warum hast du denn keine Hose an?" Jetzt fährt die Kamera zum ersten Mal am Körper des Filmhelden herunter. Und siehe da: Er hat vergessen, sich eine Hose anzuziehen.

,,Ein gelungener Gag", sagt Max Droste und äußert sich anerkennend über den Film, der seiner Ansicht nach das 3000-Euro-Preisgeld verdient hat. Natürlich hätte Max den Preis gern geholt, fürs Grabbe-Gymnasium. Als eine Art Abschiedsgeschenk. 2000 Euro wandern ins Marianne-Weber-Gymnasium nach Lemgo für eine Klischee-Umbewertung in aufregender Split-Screen-Technik: Die Migrantin klettert mit ihrem Lerneifer die Karriere-Treppe hoch, und die einheimische Partymaus muss wegen schlechter Schulnoten diese Treppe putzen. 1000 Euro finden ihren Weg ins Gymnasium Barntrup für eine Adaption der deutschen Vertriebenen-Geschichte (,,Elisabeth") als Auswertung der Flucht-Erzählungen von Oma und Opa aus Schlesien, die am Ende doch glücklich geworden sind, hier in Lippe.

,,Sinplura" - ohne Witz und Augenzwinkern inszeniert - geht an diesem Abend zwar leer aus, doch Regisseur und Darstellerinnen sind mit ihrem Opus sehr zufrieden. Sie wissen, dass es ein Meisterwerk ist. ,,Ich hätte das Thema dokumentarisch angepackt", erläutert Max Droste, aber es sei ihm interessanter erschienen, sich auf die Ideen seiner Schauspielerinnen einzulassen. So hat er etwas Neues gewagt, denn dokumentarisch zu arbeiten ist für ihn längst kalter Kaffee. DDR, Mauerfall, Augenzeugen-Befragung: Den 50-Minuten-Streifen bekommen die Freunde von Grabbe-Online bald zu sehen. Das hat Max versprochen. Auch wenn er damit ein gewisses Risiko eingeht. Davor hat er noch nie zurückgescheut. 

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Dieser Kurzfilm entstand im Rahmen des 1. Lippischen Kurzfilmfestivals des Lions Club Blomberg zum Thema ,,Migration".

Da Krieg zu den Hauptursachen von Migration gehört, schien es sinnvoll, zunächst einmal zu verdeutlichen, dass Krieg verharmlost wird und es schon seit langer Zeit Kriegsspiele gibt. Dazu sieht man in der ersten Szene etwas veraltetes Kriegsspielzeug und danach eines der neuesten, gewaltverherrlichenden Playstation-Spiele, in denen dem Spieler keine grausamen Details erspart werden.
Durch den Miniatursoldatenfriedhof aus Streichölzern wird deutlich, welch horrenden Tribut die Kriegswut fordert, nämlich den Tod. Sie nimmt auch Existenzgrundlagen und vertreibt dadurch die Überlebenden.
Die beiden Schwestern und der Säugling im Film sind Kriegsflüchtlinge. Um die Tragik des Krieges und der damit oft verbundenen Heimatlosigkeit und den Verlust der eigenen Erinnerungen/Kultur/Identität zum Ausdruck zu bringen, stirbt die Mutter des Säuglings, die letzte Verwandte, mit der die noch lebende Schwester über Erinnerungen hätte reden können. Der Säugling wird ein letztes Mal gestillt, bevor dessen Mutter stirbt. Ursprünglich sollte hier das Wiegenlied, welches zum Schluss erklingt, gesummt werden, diese Idee wurde aber wieder verworfen, da der ganze Film ohne Ton, nur mit Hintergrundmusik zu sehen ist. Diese Idee entstand, da Migration jeden betreffen kann und nicht nur eine bestimmte Bevölkerungsschicht. Also durfte auch keine Sprache verwendet werden, die die Migration hätte personifizieren können.
Die Tote wird im Wasser beerdigt. Wasser bedeutet Reinheit und der ,,Kriegsdreck" sollte abgewaschen werden. (Es war bitterkalt, da im Februar gedreht wurde).
Nach dieser Szene sieht man Blutspuren. Diese symbolisieren den Kraftverlust der nun Toten. Dann sitzt sie in der Badewanne mit dem Baby und guckt böse. Das steht für das schlechte Gewissen und die damit verbundenen Schuldgefühle der Überlebenden. Jemanden oder Etwas zurücklassen ist eine schreckliche Erfahrung. Hilflos sein und nichts tun können ebenso. Und da die eine Schwester das Kind der Toten hat wegnehmen müssen, wird sie lange mit dem Verlust zu kämpfen haben.
Dieser Szene, die durchaus auch etwas Gruseliges haben soll, folgt die Parkszene, in der die Schwester ohne Kind von der Schwester mit Kind verlassen wird, bzw. zurück in die Welt der Toten geht. Die beiden Schwestern berühren die Hände voneinander. Plötzlich packt die Tote die Hand der Lebenden. Dieser Moment ist sehr erschreckend und holt die Schlafende aus der Traumwelt zurück. Sie wacht schweißgebadet auf und geht zum Bett des Babys, im Hintergrund läuft eine traurige Spieluhrmelodie. Traurig, da die Zukunft ungewiss ist. Voller Zweifel, Ängste und Erinnerungen. Dennoch sind sie, zumindest physisch, angekommen in der ,,neuen Welt".
Doch dann fängt der Traum wieder von vorne an. Dies, in Zusammenhang mit dem Titel ,,Sinplura", soll die immerwährende ,,Migrationsproblematik" beschreiben. Denn wo es Menschen gibt, gibt es Krieg, und wo es Krieg gibt, gibt es Migration. ,,Sinplura" soll auf die immerwährenden Probleme einer sich selbst als ,,pluralistisch" bezeichnenden Gesellschaft abzielen. Rechtfertigungen und das Nicht-Verhindern von Krieg sind stets an der Tagesordnung. Migration wird vermutlich nie an Aktualität verlieren.

Idee: Marie-Claire Koch

Schauspieler: Marie-Claire Koch, Maximiliane Koch, Minu Koch
(Dem Baby ging es während der Dreharbeiten gut, auch wenn es im Film einen anderen Eindruck macht).

Film und Schnitt: Maximilian Droste